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Das Interview mit [:SITD:]
Informationen zum Thema Überwachungsstaat, Eingriff in die Privatsphäre, Terror und Musik
Die Band [:SITD:] gehört seit vielen Jahren zu den heraus- ragenden Beispielen für gute
elektronische Musik, wobei
eine Auseinandersetzung mit zeitkritischen Themen in der Musik nicht zu übersehen ist.
Dan Davis befragte die Band
zu ihrer aktuellen CD "ROT", MK Ultra, Überwachungsstaat und Terror. Hier das Interview:
Dan Davis: Hallo Carsten. Hallo Tom. Seit wann gibt es [:SITD:], wie kamt ihr auf
den Bandnamen und wie würdet ihr jemanden eure Musik beschreiben, der euch bislang noch nicht kennt?
Carsten: [:SITD:] wurde 1996 ins Leben gerufen. Die Abkürzung steht für “Shadows In
The Dark - ein metaphorisches Bildnis für den düsteren Grundtenor unserer Musik. Die Klammern und Doppelpunkte sollen die elektronische Ausrichtung unserer Musik unterstreichen. Musik lässt sich nur schwer in Worte fassen und mit den von der Musikpresse kreierten Wortschöpfungen, die der Einordnung von Musik in Sparten und Genres dienen sollen, können wir nicht viel anfangen. Warum muss alles kategorisiert
und in Schubladen gesteckt werden? Deswegen nennen wir unsere Musik schlicht und ergreifend “Electro“. Diese Bezeichnung lässt einen weiten Interpretationsspielraum zu
und wird den verschiedenen Schattierungen unserer Musik gerecht.
Dan Davis: Gibt es Bands von denen
ihr musikalisch beeinflusst wurdet? Die
euren eigenen musikalischen Weg
geprägt haben?
Tom: Wir sind in den 80ger Jahren mit Bands wie Depeche Mode, Kraftwerk, Nitzer Ebb oder Front 242 aufgewachsen. Das hat sicherlich unser grundsätzliches Interesse an elektronischer Musik geweckt.
Dan Davis: Eure aktuelle CD trägt den Titel „ROT“. Darauf sind auch wieder einmal zeitkritische Themen verarbeitet worden.
In dem Lied „FRONTAL“ geht ihr zum Beispiel auf das Thema Überwachungsstaat ein. Wie siehst Du das Thema? Das Argument der Befürworter lautet ja „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“.
Carsten: Der thematische Schwerpunkt von “Frontal“ sind die stetig zunehmenden
Eingriffe des Staats – oftmals unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung - in die
Privatsphäre seiner Bürger. Nehmen wir zum Beispiel das Thema der Vorratsspeicherung
von Telefon- und Internetdaten. Aufgrund eines neuen Gesetzes ist es seit 2008 für den
Staat nachvollziehbar, wer mit wem in den letzten sechs Monaten per Telefon, Handy oder
E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat. Bei Handy-Telefonaten und SMS wird von den Telekommunikationsanbietern auch der jeweilige Standort des Benutzers festgehalten. Mit Hilfe der über die gesamte Bevölkerung gespeicherten Daten können nun Bewegungsprofile erstellt, geschäftliche Kontakte rekonstruiert und Freundschaftsbezieh-
ungen identifiziert werden. Auch Rückschlüsse auf den Inhalt der Kommunikation, auf persönliche Interessen und die Lebenssituation der Kommunizierenden sind nun möglich. Den Zugriff auf die gespeicherten Daten haben die Polizei, die Staatsanwaltschaft und ausländische Staaten, die sich davon eine verbesserte Strafverfolgung versprechen. Weitere Maßnahmen wie u.a. der vieldiskutierte “große“ und “kleine“ Lauschangriff, sowie die mögliche Einführung eines “Bundestrojaners“ geben weiteren Anlass zur Besorgnis. Wir werden immer mehr zu gläsernen Bürgern, die unter einem Generalverdacht stehen.
“Frontal“ ist ein Weckruf, dass wir nicht alles unreflektiert hinnehmen und diese
Entwicklung kritisch beobachten sollten. Soweit die faktischen Hintergründe.
Das Argument “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ ist absurd,
wie das nachfolgende Beispiel aufzeigt. Einem guten Freund von uns ist nämlich folgendes widerfahren: Ein übereifriger Bankangestellter fühlte sich dazu bemüßigt, ihn bei der Polizei zu denunzieren, weil er seine Freundin vor der Bank mit einem verschmutzten Auto absetzte, hektisch vor der Tür wartete und sich schließlich eilig mit dem Auto entfernte ohne auf die
in einer Warteschlange in der Bank stehenden Freundin zu warten. Das Nummernschild sei, so der Banker, so verschmutzt gewesen, dass er nur mit Mühe das Kennzeichen entziffern konnte. Das war für die Polizei Grund genug, um das Telefon unseres Freundes wochenlang abzuhören, ihn mit zwei Beamten zu observieren und schließlich eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Ergeben hat das natürlich nichts! Denn unser Kollege beabsichtigte selbstverständlich nicht die Bank zu überfallen, sondern er war erst vorher mit seiner Freundin und seinem Hund im Wald spazieren, was zur Verschmutzung des Autos führte und auf ihn warteten an diesem Tag wichtige Termine, weswegen er es sehr eilig hatte. Deswegen hat er vorher zu seiner Freundin gesagt: “Ich kann nur 5 Minuten auf Dich warten. Wenn es länger dauert, fahre ich schon mal los.“ Unglaublich das der Hintergrund so einer Geschichte zu den oben genannten polizeilichen Maßnahmen führte.

Dan Davis: Denkst Du, dass der 11. September 2001 gezielt benutzt wurde, um den Überwa-
chungsstaat voranzutreiben?
Carsten: Es gibt sicherlich
Personen in exponierter Position
die das tun, aber ob ein gezieltes Vorgehen dahinter steckt oder
nicht, ist auch nicht die entschei-
dende Frage. Viel schwerer wiegt
die Gefahr, dass zentral gesam-
melte Daten missbraucht werden oder in falsche Hände geraten.
Dan Davis: Ein Song der CD trägt den Titel „STIGMATA OF JESUS“. Bereits zur Vorgänger-CD „BESTIE MENSCH“ gab es die Auskopplung „KREUZGANG“. Wie ist Deine Meinung zur Bibel und insbeson-
dere zum Thema Jesus? Eine fiktive Märchengestalt – oder doch eine überlieferte Geschichte, die einen wahren Kern in sich trägt? Und ist der Mensch eine Bestie?
Carsten: Wir können für uns selbst nicht viel aus Religion gewinnen, gleichwohl ist die Beschäftigung mit ihr interessant, genauso wie die Beschäftigung mit Parapsychologie, Esoterik und anderen spirituellen Dingen. Wer sehnt sich nicht nach Rettung, Reinigung
und Erlösung? Die Frage ist nur die, ob man das durch eine Religion bewerkstelligen kann. Wenn jemand die Frage für sich mit “Ja“ beantworten kann, dann akzeptieren wir das.
Prima. Glückwunsch. Es kommt vielleicht darauf an, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Man kann sich aus allem sein eigenes spirituelles Bewusstsein, sein eigenes Wertekon-
strukt und seine eigenen moralischen Grundfesten erschaffen.
Nun zu den beiden von Dir angesprochenen Songs: “Stigmata“ beschäftigt sich mit dem Phänomen der “Stigmatisation“, also dem Auftreten der Wundmale von Jesus Christus am Körper von lebenden Menschen. In vielen Fällen wird behauptet, dass offene Wunden über viele Jahre hinweg nicht heilen, sich aber auch nicht entzünden bzw. eitern oder gar ein Blutfluss entgegengesetzt der Schwerkraft auftritt und dies medizinisch nicht erklärt werden könne. Der erste dokumentierte Fall von “Stigmatisation“ ist der des Franz von Assisi (1181/82 - 1226). Es bleibt bis heute ein vieldiskutiertes Phänomen, über das in der
Medizin wie auch in der Theologie gleichermaßen gestritten wird.
Mit “Kreuzgang“ ist ein “Leidensweg“ gemeint. Der Song beschreibt metaphorisch offen
und aus verschiedenen sich gegenüberstehenden Perspektiven ein “Täter / Opfer“ - Verhältnis. Wir haben uns mit dem sogenannten “Stockholm-Syndrom“ auseinandergesetzt, worunter man ein psychologisches Phänomen versteht, bei dem Opfer von Geiselnahmen
ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Grundsätzlich neigt der Mensch dazu, in Zwangs- oder Abhängigkeitssituationen auch moralisch beziehungsweise ethisch bedenkliche Handlungsweisen von Autoritäten zu relativieren und eine Schutzhaltung für sich zu entwickeln. Diese Schutzhaltung, die für einen Außenstehenden nur schwer verständlich erscheint, ist ein ganz normaler Überlebensinstinkt. Alles, was dem Opfer eine Erklärung für seine Situation bietet, ist dabei als Überlebensstrategie geeignet. Man kann aber in “Kreuzgang“ auch einen religiösen Ansatz wiederfinden, wenn man das “Täter/Opfer“ - Verhältnis auf den Leidensweg von Jesus Christus und seinem Verhältnis zu seinen Peinigern bezieht. Wir haben bewusst den Raum für verschiedene Interpretationsansätze gelassen. Es gibt immer mehr als nur eine einzige allgemeingültige Wahrheit.
Zum letzten Teil Deiner Frage: Ja, der Mensch ist eine Bestie und wir zielen mit unseren Songs auf jene Bestie ab, die in jedem von uns in irgendeiner Form steckt und die wir auf den ersten Blick gar nicht bemerken. Wir finden sie erst, wenn wir uns selbst und unser (Nicht-)Handeln hinterfragen. Wer von uns ist nicht abgestumpft, wenn er alltäglich mit Themen wie der drohenden Klimakatastrophe oder den anderen eklatanten Problemen unserer Welt konfrontiert wird? Selbst wenn es um Güter und Interessen geht, die uns höchstpersönlich betreffen, fühlen wir uns oftmals nicht davon tangiert. Diese Abgestumpft-
heit und Lethargie macht den Menschen zur eigentlichen Bestie, der alles egal ist, was um sie herum geschieht.
Dan Davis: Wo siehst Du die Menschheit in einigen Tausend Jahren? In einer Hightech-Umgebung, die wir uns heute wahrscheinlich nur ansatz-
weise vorstellen können, oder hat sie sich am Ende bis dahin selbst vernichtet?
Carsten: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns bis dahin selbst ausgelöscht haben, ist ungleich höher, als dass wir bis dahin gelernt haben, in friedlicher Koexistenz miteinander zu leben und technische Fortschritte in sinnvoller Art und Weise zu nutzen.
Dan Davis: Hast Du derzeit ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsfilm?
Carsten: Zur Zeit lese ich “Mein Ich und sein Leben“ von Frank Goosen. Der letzte Film, der mich nachhaltig beeindruckt hat, war “Der Baader Meinhof Komplex“ mit einem grandiosen Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle als “Andreas Baader“.
Dan Davis: Auf der aktuellen CD befindet sich ein Track
mit dem Titel „MK ULTRA“. Kannst Du etwas mehr zu der Entstehung des Songs und den Hintergründen sagen?
Carsten: Als wir vor zwei Jahren in den USA getourt sind, haben wir natürlich auch die dortigen Medien verfolgt. Der "Water-
boarding"-Skandal – also die Foltermethode des simulierten Ertränkens - war damals in aller Munde und wurde ausgiebig diskutiert. In diesem Zusammenhang muss man natürlich auch die Stichworte “Abu-Ghraib“ und “Guantanamo“ erwähnen. Ein Land, das seine Werte wie Freiheit und Demokratie in die Welt tragen möchte, tritt selbst die Menschenrechte mit den Füssen. Wir haben uns die Frage gestellt: Wie konnte es dazu kommen? Worin liegen die Wurzeln dieses Übels? Unsere Recherchen gingen bis in die frühen 50er Jahre zurück, dort sind wir auf “MK Ultra“ gestoßen, einem geheimen Forschungsprogramm der CIA, das von 1953 bis 1970 durchgeführt wurde. Ziel dieses Projektes war es, ein perfektes Wahrheits-
serum zu entwickeln, sowie die Möglichkeiten der Gedankenkontrolle zu erforschen. Die überwiegend gesundheitsschädlichen bis lebensgefährlichen Experimente, bei denen Drogen
wie zum Beispiel LSD oder Meskalin, Gifte, Krankheitserreger, Chemikalien, Elektro-
schocks, Gas usw. eingesetzt und verabreicht wurden, wurden meist ohne Wissen oder Zustimmung der Versuchspersonen durchgeführt. Dazu gehörten neben Tausenden von zufällig ausgewählten US-Bürgern auch Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen. Es ist erwiesen, dass zahlreiche Versuchspersonen bei den Experimenten schwerste körperliche und psychische Schäden davontrugen, bis hin zum Tod. Die meisten offiziellen Dokumente zu dem Projekt wurden 1972 unter dem damaligen CIA-Direktor Richard Helms vorsätzlich vernichtet. Mitte der 1970er Jahre beschäftigten sich mehrere Untersuchungs-
kommissionen des US-Kongresses mit der Aufarbeitung der Geschehnisse. Faktum ist, dass die Erkenntnisse, die bei “MK Ultra“ gewonnen wurden, noch heute die Basis der “modernen“ Foltermethoden darstellen.
Dan Davis: Gibt es eine internationale Band, mit der Du gerne einmal einen Song aufnehmen würdest?
Tom: Es ergeben sich immer wieder durch Zufall reizvolle Kollaborationen. Da spielt es auch weniger eine Rolle, ob eine Band bekannt oder unbekannt ist. Es kommt darauf an, dass wir Freude an einer solchen Zusammenarbeit haben und darin eine künstlerische Herausforderung sehen.
Dan Davis: Habt ihr bereits einen Plan, was als nächstes bei SITD ansteht? Ist schon etwas in Planung? Und falls ja – kann man schon sagen in welche Richtung die Reise musikalisch geht?
Tom: Wir arbeiten eigentlich ständig an neuen Songs, aber wohin die Reise geht, das
können wir noch nicht sagen. Das wäre verfrüht. Unser Album “Rot“ ist ja erst Ende Oktober herausgekommen und das letzte Konzert der dazugehörigen Tour haben wir im Februar dieses Jahres gespielt. Das ist also gerade mal ein paar Wochen her. Wir freuen uns nun
auf die anstehenden Festivalshows beim W.G.T. in Leipzig und beim Blackfield-Festival in Gelsenkirchen und dann sehen wir weiter.
Dan Davis: Vielen Dank für das Interview.
Anspieltipp:
Der Song "Laughingstock" von SITD:
Aktuelle CD von [:SITD:]
"ROT"
(COVER UP! Newsmagazine, 15.04.2010)
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