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Dan Davis im Interview mit ATROCITY
Sänger Alex über die aktuelle CD, Atlantis, Über-
wachungsstaat, Fukushima & Dita von Teese 
 
Dan Davis befragt Sänger Alex-
ander Krull von ATROCITY zur
aktuellen CD "After the Storm",
auf der auch seine Schwester
Yasmin als Co-Sängerin zu hör-
en ist. Dies hat erneut zu einem
grandiosen Ergebnis geführt. 
Atrocity gehört seit Jahren zu
den beliebtesten deutschen Me-
talbands, die ihren Ursprung
einst im Death Metal hatten,
um sich dann auf einzigartige
Weise auf andere Wege zu be-
sinnen, ohne jemals ihre Wur-
zeln zu verleugnen. Alex spri-
cht über Fukushima und Atlantis.
Wie denkt er über den stetigen Ausbau des Überwachungsstaa-
tes? Dies und mehr jetzt hier!
 
Die Metal-Band ATROCITY schafft es immer wieder, neue Akzente zu setzen. Die aktuelle
CD "After the Storm" ist hierfür das beste Beispiel. Sänger Alexander Krull (der ganz ne-benbei noch bei der Band LEAVES` EYES mit der Sängerin Liv Kristine, die derzeit ihre ak-tuelle CD "Meredead"  / Deutsche Album-Charts Stand 5.5.2011 auf Platz 32, veröffentlich-
ten, musiziert) geht gegenüber Dan Davis auf das aktuelle Weltgeschehen sowie die extra-vagante Performerin Dita von Teese ein, die als Model auch die CD "Werk 80 II" der Band
ziert. Sowie auf die Versuche einiger in der Vergangenheit, die Band in die rechte Ecke zu drängen, worauf Atrocity unter anderem auf dem Festival in Wacken mit der Zertrümmerung
eines großen Hakenkreuzes reagierten. Und wie steht Alex zur aktuellen Debatte über
Atomenergie? Dies und vieles mehr jetzt hier im Interview:
 
Rechts: Yasmin und Alex von Atrocity
(by Atrocity).
 
Dan Davis: Hallo Alex. Erst mal herz-
lichen Glückwunsch zur aktuellen CD „AFTER THE STORM“ feat. YASMIN.
Man hat das Gefühl, Ihr versucht bei jeder CD Euch gewissermaßen selbst neu zu erfinden. Wie würdest Du die Musik von „After the Storm“ jenen beschreiben, die die CD noch nicht kennen?

Alex: Erst einmal Dankeschön für die Blumen! Für einen Außenstehenden ist
die Umschreibung Ethno meets Metal vielleicht gar nicht so verkehrt. Denn hier treffen tatsächlich zwei musikalische
Welten aufeinander.
 
Dan Davis: Wie lange habt ihr an
dem Album gearbeitet und siehst Du hinter dieser Stilrichtung Deine neue Passion oder mehr ein musikalisches
Projekt mit Deiner Schwester?

Alex: Die Idee mit meiner Schwester Yasmin irgendwann einmal ein Folgeal-
bum zu machen, hatten wir schon in der Zeit, als wir „Calling The Rain“ 1995 veröffentlicht
haben. Das Konzept ethnische Weltmusik mit Metal zu kombinieren hatte uns damals
schon sehr gut gefallen und der Reiz wieder so eine zeitlose Scheibe wie jetzt mit „After the Storm“ aufzunehmen, war permanent vorhanden. So haben wir über die Jahre hinweg Song-
ideen dazu komponiert und bei unserer Unterzeichnung mit Napalm Records war das auch schon ein Bestandteil des Vertrags. Yasmin hat zudem eine Ausnahmestimme, und ihre orientalischen Wurzeln, wir haben zwei verschiedene Väter, lassen ihren authentischen Ge-
sang deshalb auch so exotisch und originell klingen. Also Grund genug, ein weiteres musi-
kalisch interessantes Projektalbum mit ATROCITY zu machen.
 
Dan Davis: Ihr habt ja irgendwann mal im Bereich Death Metal angefangen, um
dann irgendwie eure Nische zu erschaffen. Trotzdem legt ihr auch ein großes Inte-
resse für andere Musiker an den Tag, was an der Vielzahl von großartigen Cover-Versionen (von FADE TO GREY über Songs von AHA, TEARS FOR FEARS bis zu LILI MARLEEN) reicht. Ist es bei diesen mehr die Verehrung der Künstler / des Songs
oder die Idee, es besser zu machen?
Links: Cover der CD "Werk 80" von
Atrocity (erreichte Platz 33 der deut-
schen Album-Charts).

Alex: Wir wollten mit ATROCITY von Beginn an alles andere als eine typi-sche Metal-Combo sein. Die Idee an-dere Songs und gleichzeitig auch an-derer Stilrichtungen neu zu interpre-tieren ist auch nur ein Teil davon. Für uns geht es vorrangig um die musika-lische Herausforderung innerhalb un-serer musikalischen Ideen. Vor Werk 80 wusste eigentlich niemand, wie es klingen würde, wenn eine Metalband wie ATROCITY 80er Hits neu einspielt. Das hatte uns musikalisch gereizt, und gleichzeitig war es auch das Ziel den Spirit der Songs nicht etwa zu ignorieren, sondern zu erweitern bzw. neu auszulegen. Bei Werk 80 II kam ja dann noch Orchester und Chor hinzu, was von den Arrangements zudem recht aufwändig war. Es gibt sehr viele Metal Fans, die, wie wir selbst, bei den Originalen z.B. harte Gitarren vermisst haben, und sie sich so den Songs eher verschlossen hatten. Darum etwas besser zu machen geht es mit Sicherheit nicht, denn Musik ist immer Geschmackssache. Es gibt bestimmt genauso viele Befürworter wie auch Gegner unserer Versionen (lacht).
 
Dan Davis: Wird euch das Thema „Cover-Songs“ auch in Zukunft beschäftigen und ein Teil von ATROCITY sein?
 
Rechts: Die Band Atrocity feat.
Yasmin (by Atrocity).
 
Alex: Im Moment konzentrie-
ren wir uns auf ganz andere
Dinge. Im Hause ATROCITY
geht es ja immer weiter. Als
die Werk 80 II abgeschlossen
war, hatten wir ja schon mit
Yasmin das neue Album „Af-
ter the storm“ ausgeheckt
und seither auch nichts mit Fremdkompositionen mehr
im Sinne gehabt.
 
Dan Davis: Was für Musik hörst Du privat derzeit am liebsten?
 
Alex: Ich höre mir gerne sowohl neuere Alben wie auch alte Klassiker an. Und die Spann-
breite liegt irgendwo zwischen extrem harter Musik und extrem atmosphärischen, teils auch
eher ruhigen Sachen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich persönlich sehr auf Dynamik, Kontraste, Emotionalität und Bewegung in der Musik stehe. Mit durchschnittlichem Zeugs
kann ich nicht viel anfangen. Das war schon immer so.
 
Dan Davis: Ihr habt im Jahr 2004 ein Album mit dem Titel ATLANTIS herausgebracht. Denkst Du Atlantis hat tatsächlich mal existiert oder ist es nur ein Mythos ohne Hin-
tergrund?
 
Links: Cover der CD "Atlantis" von
Atrocity.
 
Alex: Witzig, gestern haben wir im
Tourbus noch die Diskussion über
„Atlantis“ geführt. Wir haben eine
Lichttechnikerin aus Holland, die
auch noch bei Ausgrabungen mitar-
beitet und das Ganze natürlich rein wissenschaftlich sieht. Da es keine eindeutigen, faktischen Beweise
bzw. einen genauen Fundort von
Atlantis gibt, ist es natürlich für die Wissenschaft eher Mythos als reale Geschichte. Klar! Ich denke hinge-
gen, dass man das nicht so einfach abtun kann. Man nehme nur die
ganzen Sintflut-Legenden, die es unabhängig voneinander in den ver-
schiedensten Kulturen und Religio-
nen gibt. Die Kultur der Mayas und Azteken beruhte beispielsweise darauf, aus einem un-
tergegangen Reich entstammt zu sein. Leider hat ja die Christianisierung fast alles an Wis-
sen der Mayas vernichtet. Eventuelle Erkenntnisse des Ursprungs der Kultur gingen somit natürlich auch verloren. Wie man heutzutage aber sehen kann, ist die Auslöschung einer zivilisierten Welt durch eine Naturkatastrophe nicht ausgeschlossen. Die Dinosaurier wur-
den genauso durch eine Naturkatastrophe bzw. einen Kometeneinschlag zum Aussterben verdammt. Hinter solch einem Mythos wie Atlantis steckt vielleicht vielmehr Wahrheit, als
man denkt. Troja wurde Jahrhunderte lang bis zu seiner Entdeckung als Mythos abgetan.
Ich persönlich könnte mir eine Verbindung zur Megalithenkultur vorstellen.
 
Dan Davis: Atlantis ist ja den Überlieferungen nach untergegangen. Wenn Du siehst,
was derzeit in Japan abläuft und der Reaktorkatastrophe: Glaubst Du, die Mensch-
heit wird sich eines Tages selbst vernichten und „wie Atlantis“ untergehen - oder bekommen wir noch mal die Kurve?
 
Rechts: Sänger Alexander Krull (by
Atrocity).
 
Alex: Ja, genau davon spreche ich.
Diese Gefahr besteht tatsächlich. Ei-
ne Aneinanderreihung unglücklicher Umstände reicht doch eigentlich schon aus, um zu zeigen, wie verletzbar wir
als Menschen geworden sind. Und das
auch noch durch unsere eigenen hoch-
technisierten „Errungenschaften“! Die
wir zudem selbst nicht kontrollieren können und deren Risiken wir in Kauf nehmen. Zumindest sieht das die Poli-
tik ja so. Für mich ist das völlig unver-
antwortlich, von einem kalkulierbaren Risiko zu sprechen, und nicht einmal
zu wissen, wie Atommüll entsorgt wer-
den kann. Das ist der pure Wahnsinn.
Die Politiker, die diesen Humbug in die Welt gesetzt haben, sollen doch selbst Atomtests in ihrem Garten durchführen
und Brennstäbe aus den AKW’s bei
sich im Keller entsorgen! Und dieses Märchen `wir wären wirtschaftlich von Atomenergie abhängig` ist völlig absurd.
Was haben wir denn davon, wenn wir
durch „unglückliche Umstände“ alles damit zerstören können?!
 
Dan Davis: Ja, sehe ich ähnlich. Wie siehst Du heute rückblickend die Versuche ei-
niger, Euch aufgrund eures Albums WILLENSKRAFT in die rechte Ecke zu drängen? Nerven Dich diese Leute, die ständig auf der Suche nach angeblich rechten Bands
und Inhalten sind, um sich oftmals selbst zu profilieren und in den Mittelpunkt zu
rücken oder zu glorifizieren, und auf ihrem Feldzug schon Gruppen wie RAMM-
STEIN und BÖHSE ONKELZ bis hin zu Künstlern wie Rudy Ratzinger von WUMPS-
CUT oder WITT in diese Schiene gesteckt haben? Und war Wacken 1996 die richti-
ge Antwort, um diesen Typen zu zeigen, dass Ihr wie viele andere nichts mit dieser rechten Scheiße zu tun haben wollt?
 
Links: Cover der CD "Willenskraft"
von Atrocity.
 
Alex: Ja, diese Leute hatten eben
von Tuten und Blasen keine Ahnung (lacht). Mit diesem Vorurteil, wenn
man deutsche Texte in der harten
Musik verwendet, mussten wir uns schon zu „Todessehnsucht“-Zeiten Anfang der 90er auseinandersetzen.
Und das, obwohl wir schon anno
1989 ein derartiges Statement wie später in Wacken gesetzt hatten,
indem wir beim 1. Support von The
Underground Festival in der Rockfa-
brik Ludwigsburg auf der Bühne ein Hackenkreuz zertrümmert hatten.
Das ging seinerzeit im Metal Under-
ground durch die Runde. Für uns war
es wichtig, dass damals die Death
Metal Szene nicht durch irgendwelche radikalen politischen Gruppierungen unterwandert
wird! Und es hatte die richtige Wirkung gezeigt.
 
Dan Davis: Stichwort Wacken: Seid ihr dieses oder nächstes Jahr wieder dabei?
 
Rechts: Die Band Atrocity
feat. Yasmin (by Atrocity).
 
 
 
 
Alex: Wir haben ja letztes
Jahr unsere aufwändige 25 Jahre Jubiläumsshow dort aufgezeichnet, und so sind
wir dieses Jahr verständli-
herweise nicht wieder da-
bei! Aber wir hoffen natür-
lich, dass es nicht allzu
lange dauert, bis wir wieder
in Wacken auf der Bühne stehen können!
 
Dan Davis: Wie fand die Künstlerin DITA VON TEESE damals die Idee, auf eurer CD WERK 80 II das Cover zieren zu dürfen? Und wer kam auf den Gedanken?
 
Alex: Ich kenne einen Photographen, der Dita schon zig mal zum Shooting bei sich hatte.
Ich erzählte ihm von der Idee als Kontrastprogramm zur ersten WERK 80 ein dunkles Co-
verartwork mit einer glamourösen und eher klassischen Lady machen zu wollen, und das
Dita mein absoluter Topfavorit dabei wäre.
 
Links: CD "Werk 80 II" von Atro-
city mit Dita von Teese auf dem
Cover (erreichte im Jahr 2008
Platz 19 der deutschen Album-
Charts).
 
So kam der Stein dann ins Rollen.
Das Artwork ist wirklich genauso,
wie wir uns das vorgestellt haben.
Und ich finde, die Mischung aus bezaubernder erotischer Ästhetik
und dem dunklen Opernsaal visu-
alisiert sehr gut. Die musikalische
Idee ist von uns!
 
Dan Davis: Auch an Dich die Frage: Empfindest Du den stän-
digen Ausbau des Überwach-
ungschungsstaates eher als Bedrohung und nervend oder siehst Du die Sache von
der anderen Seite nach dem Motto `Mehr Überwachung bedeutet mehr Sicherheit`? Wurde „1984“ Realität?
 
Alex: So wie es aussieht gibt es immer weniger Leute, die sich daran stören, dass man mit ihren Daten hausieren geht und Geschäfte macht. Da werden treudoof bei irgendwelchen Bo-
nuskarten, Gewinnspielen usw. sämtliche Details freigeben. Von Big Brother-Shows ange-
fangen bis Facebook gibt es genügend Bereitwillige, die ihr Privatleben nach außen kehren,
um im Blickpunkt zu stehen. Ich denke, es geht neben der Überwachung vielmehr um die Kategorisierung der Menschen als Konsumobjekt: Wie kann ich aus Bürger XY am besten Kohle rausziehen. Ein Profil wird aus sämtlichen Daten und Informationen über die Person erstellt, und so liefert man sich dann den großen Firmen aus, die mit den Daten dann anstel-
len, was sie wollen. Du bekommst auf einmal mundgerechte Wurfpost und Mails, und du
fragst dich, woher haben die eigentlich meine Daten?
 
Dan Davis: Arbeitet ihr an einem neuen Album?
 
Alex: Ja. Wir arbeiten an einer epischen Trilogie, die musikalisch sehr hart und bombastisch
werden soll! Es wird dazu ein ganz besonderes Konzept geben. Vielmehr wird noch nicht verraten!
 
Dan Davis: Geht ihr 2011 auf Tour?
 
Alex: Momentan touren wir ja mit unserer Schwesternband LEAVES‘ EYES zum neuen Al-
bum „Meredead“ quer durch die Landen. Wir werden mit ATROCITY aber neben ein paar Festivals auch verstärkt im Ausland touren. Und zwar haben wir da Asien und Südamerika
im Visier. In Europa werden wir dann auch wieder in nächster Zeit touren.
 
Dan Davis: Dann wünsche ich euch alles Gute für die Tour, die Festivals und bei
den Arbeiten an der neuen Trilogie!
 
Alex: Danke für das Interview!
 
 
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ATROCITY - Fade To Grey
 
(COVER UP! Newsmagazine, 9.5.2011)
 
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