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Dan Davis im Interview mit CARSTEN KLATTE (u. a.
EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, CASSANDRA COMPLEX)
Carsten Klatte über das neue Album "Deserteure", die NSA,
Edward Snowden, Angela Merkel, die Bilderberger & Co
 
Es ist mal wieder soweit: Der Voll-
blutmusiker Carsten Klatte hat sein
neues Album "Deserteure" am
Start. Wem der Name noch nichts
sagt: Herr Klatte spielte bei Bands
wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN,
PROJECT PITCHFORK, GIRLS
UNDER GLASS, GOETHES ERBEN,
WOLFSHEIM, PETER HEPPNER,
CASSANDRA COMPLEX, CARE
COMPANY, N.U. UNRUH und vie-
len anderen. Neben Veröffentli-
chungen unter seinem eigenen
Namen hat er in der Vergangen-
heit das Neo-Folk-Projekt WIDU-
KIND aus der Taufe gehoben und
veröffentlichten Studioalben wie
"Who killed Barbie?" unter dem
Namen LACASA DEL CID. Dan
Davis befragte ihn nicht nur zum
neuen Album, sondern auch zur
NSA- & der "Merkel-Affäre"... 
 
Ist der ehemalige NSA-Mitarbeiter Edward Snowden ein Held oder ein Verräter? Und welche Rolle spielt Angela Merkel in diesem Marionetten-Theater? Kann man "beim Universum" seinen längst ersehnten neuen Digitalfernse-
her bestellen oder muss man doch zu "Media-Markt oder Saturn"? Mit Ironie und Ernst spricht der gesellschaftskriti-
sche Musiker Carsten Klatte hier im Interview mit Dan Davis über Kunst, Bilderberger, "Bildungsberger", Musik,
"Deserteure", David Lynch und vieles mehr. Jetzt hier im COVER UP! Newsmagazine!

Carsten Klatte im Interview mit Dan Davis:
"Ich finde, der kleinste „gemeinsame Nenner“ ist immer
Respekt ... Wenn man die Mathematik mal gegen den
Menschen wendet und sieht, wie er sich selbst zerstört,
fragt man sich doch, wie kann der Mensch so dumm
sein?! Dummheit ist für mich die größte Geißel unserer
Zeit ... Merkel ist mir mittlerweile ziemlich egal geworden,
sie hat den Status eines Schlagermusikers."
 
 
Bild rechts: Carsten Klatte (by C. K.).
 
 
Dan Davis: Hallo Carsten. Dein neues
Album hört auf den Namen „Deserteure“.
Warum „Deserteure“ und wie lange hast
Du daran gearbeitet?
 
Carsten Klatte: Hallo Dan. Deserteure,
weil es einen Wendepunkt markiert. Einen
Gedanken zum Ende bringt, der den Künstler
Klatte schon einige Zeit beschäftigt hatte. Ge-
arbeitet habe ich an dem Album seit Anfang
2012. Es war ein Arbeitsprozess im klassisch-
en Sinne. Erst entstanden die Songs auf gutem
alten Papier und wurden gespielt, dann kamen
sie ins Studio und wurden aufgenommen, was
heutzutage nicht immer so ist, denn manchmal
entstehen die Songs von vorne herein am Rech-
ner. Desertiert wird in dem Sinne, als dass ich
mich quer gestellt hab, was die Texte angeht
und auch die Musik, wenn man das Album bis
zum Ende durchhört. Desertiert wird unter an-
derem, weil der Künstler seinen Werdegang so
gestaltet, dass er zu seinen eigenen Wurzeln
zurück geht, zur Musik in ihrer reinsten, wenn
man mal so sagen darf, Form, als Spiegel des
Musikers und nicht als Spiegel irgendwelcher
Klischees von gesellschaftlich gefragtem. De-
sertiert wird, indem der Dienstleister ausgela-
den ist.
 
Das betrifft zum Beispiel auch den Vertrieb.
Es gibt das Album nur im Netz. Die „Form“ der
Musik gestaltet sich unangenehmer. Alles ist
irgendwie nackter, ungeschönt, verbunden mit
dem Versuch, Inhalte zu bringen, welche den soziokulturellen „Headroom“ vielleicht auch sprengen könnten. Das
bedeutet in letzter Konsequenz, das Ende des Glaubenssatzes, jedenfalls für den Künstler.  In diesem Sinne freue
ich mich gerade richtig über die entstandene Arbeit, weil ich weiß, was danach kommt, eben noch mehr Arbeit im
oben beschriebenen Sinne. Wie sagte es einst mein Freund und Kollege Peter Heppner bei WOLFSHEIM: „… Es
gibt keinen Weg zurück.“ An dieser Stelle gefällt mir diese Aussicht sehr.
 
Dan Davis: Ich habe das Album ja bereits einige Zeit vorliegen. Wie würdest Du selbst die Musik am
treffendsten bezeichnen, die Du hier erschaffen hast? Jazz meets…?
 
Carsten Klatte: „…all-in-one!?“
 
Ich nenne das Jazzuismus. 
 
Was ich darunter verstehe, kann gerne auf meiner Homepage unter www.carstenklatte.com nachgelesen werden.
 
Ich habe aber auch wieder einige Wortspiele gebastelt. Ich nenne das zum Beispiel „Bildungsbürgermusik“. 
 
„Bilderberger versus Bildungsbürger und was dabei heraus kommt, der „Bildungsberger“.
 
...Du merkst, ich nehme das nicht ganz so ernst. Ich glaube die Musik hat irgendwas von bildender Kunst. Ich hatte
in letzter Zeit ein paar Lesungen gemacht, unter anderem auf dem diesjährigen WGT im Centraltheater in Leipzig.
Da hab ich dann das Wiederaufkommen des Dadaismus verkündet als die „DadaDA Bewegung“. 
 
Dada und auch der erweiterte Kunstbegriff haben mich ja schon bei WIDUKIND mächtig in Schwung gehalten und
haben es anscheinend auch hier noch geschafft. Ich glaube sogar, dass das Deserteure-Album auch eine Antithese
zur Musik von WIDUKIND darstellt, da die musikalischen Stilistiken, die auf „Deserteure“ verwendet wurden, alle aus
der „Mitte der Gesellschaft“ genommen wurden, Jazz, Hip Hop, Chanson… Bei WIDUKIND steht der Erzähler mehr
am Rand der Gesellschaftsgruppe, bei den Deserteuren ist er mittendrin.
 
Dan Davis: Du hast ja selbst in der Vergangenheit u. a. mit N. U. Unruh & den EINSTÜRZENDEN NEU-
BAUTEN musiziert. Aber auch komplett andere musikalische Geschichten gemacht, wie z.B. mit GIRLS
UNDER GLASS, GOETHES ERBEN und vielen anderen. Gibt es eine Band, an deren Zusammenarbeit Du
Dich herausragend zurückerinnerst?
 
Carsten Klatte: Ich hatte dieses Jahr
sogar noch die Ehre eine weitere Band
mit N. U. Unruh zu gründen. Nennt sich
„CHI MACHINE“ und hatte seinen Ein-
stand auf dem Schlagstrom Festival in
Berlin. Das war/ist ein schönes „Tool“,
was wir da entwickelt haben und wird wahrscheinlich auch irgendwann mal
wieder aufgeführt. Hatte viel mit Improvi-
sationen zu tun. Tolle Nummer. Hat viel
Spaß gemacht.
 
Was die Bands betrifft, ist es schwer zu
sagen, was da heraus ragte, weil eigentlich
jede Band einzigartig und bewundernswert
ist. Ich bin allen, die ich begleiten durfte,
sehr dankbar, weil meine Erlebniswelt und
mein Ereignishorizont dadurch extrem er-
weitert wurden und werden. Reisen ist toll!
Mit Bands zu reisen ist noch viel toller, weil
du die Welt immer aus der Perspektive des
Rock and Roll sehen kannst, sofern du dir
einen Begriff davon gemacht hast, was das
für dich heißen soll. Pop und Rock and Roll
sind grundverschieden, das ist ein Fakt, den
ich in meinem Musikerleben gelernt habe,
weshalb ich jetzt „Jazz“ mache, weil ich mit
all diesem Scheiß nichts zu tun haben
möchte (zwinker, zwinker).
 
Dan Davis: Du selbst bringst ja nicht
nur unter dem Namen „Carsten Klatte“
Musik heraus, sondern auch unter Pro-
jektnamen wie LACASA DEL CID oder
wie bereits erwähnt WIDUKIND. Kannst
Du für jene Leser, die Deine musikali-
schen Auswüchse noch nicht so genau
kennen, beschreiben, worin sich diese
Projekte musikalisch am signifikantesten voneinander abgrenzen? 
 
Carsten Klatte: LACASA ist Vergangenheit, das ist zum Beispiel eine sehr wichtige Grenze. WIDUKIND ist, was
die musikalische Seite angeht, eine Band, welche ich zusammen mit meiner Frau Yve Darksound betreibe. Wir
spielen damit Konzerte, dazu gibt es aber auch Literatur und Mediakram. An dieser Stelle wird WIDUKIND zu ei-
nem Multitool, da es den Rahmen bietet, für all die Ideen und Thesen, die ich in meinem ersten Buch, dem Essay
„Widukind“, geschrieben habe.
 
Klatte solo ist genau, was drauf steht. Ich habe als Musiker keine Grenzen, da Musik an sich auch keine hat. Ich
kann es als Musiker nicht verstehen, wie man sich festlegen könnte auf das eine oder andere Genre oder den einen
oder anderen Sound. Musik ist endlos und absolut wertlos. Den Wert von Musik bestimmt die Form, in der sie
präsentiert wird, was die Musik an sich aber auch schon wieder korrumpiert, denn wenn sie wertlos ist, ist sie allen
frei zugänglich. Und ist sie limitiert, damit sich ihr Wert steigert, dann ist sie nicht mehr ursprünglich im dem Sinne,
dass sie allen frei zugänglich ist. Als Musiker ist es für mich die höchste Art der Politik, meine Musik von allen
selbst gesetzten Kontexten zu befreien. Als Musiker ist es evolutionstechnisch sogar meine Pflicht, im Laufe mei-
nes Lebens, meine mir eigene Ausdrucksform zu finden und zu kultivieren. Das funktioniert nur, wenn ich alle von
außen kommenden Einflüsse abschalte. So etwas zu tun ist höchst unpopulär, da du, unter Umständen, in die
Situation gerätst, dass du nicht gefällst und kein Publikum findest. Und da Musik sehr, sehr eingebunden ist in den
sozialen Kontext und Musik als Dienstleistung dabei im Vordergrund steht, musst du dich entscheiden, ob du die-
sen Weg wirklich gehen willst, oder doch lieber Dienstleister bleibst, kommerzielles spielst und dich aber auch nicht
weiter entwickelst, was für einen Musiker mit Tod gleichzusetzen ist. Da das etwas „mönchisches“ an sich hat,
quasi der Welt zu entsagen, um seinen Weg zu gehen, und mich das an die „Jesuiten“ erinnerte, beschloss ich,
mich von nun an „Jazzuit“ zu nennen, was auch den Titel des letzten Stückes auf dem Album erklärt. Ich bin ein
gläubiger Jazzuit. Das ist Klatte solo.
 
Dan Davis: Kommen wir zurück zum aktuellen Album. Es gab bereits eine „Vorabversion“ des wirklich
großartigen Tracks „Nüchtern Möchtergern“ auf Youtube zu hören. Zumindest dachte man das, glaubte
man dem Beitext zum dort hochgeladenem Song. Jedoch habe ich zumindest bei der mir vorliegenden
Version von „Deserteure“ aus dem Jahr 2013 und ihren 17 Stücken das benannte vergebens gesucht…
Wo ist es geblieben?
 
Bild rechts: Cover der CD "In the flow"
der Band CARE COMPANY, an der
Carsten Klatte mitwirkte.
 
 
 
Carsten Klatte: Auf den Konzerten
natürlich. Es ist fester Bestandteil des
Repertoires der „Deserteure“, welches
wesentlich größer ist, als die 17 Stücke,
welche es auf das Album geschafft ha-
ben. Ich hatte ursprünglich ca. 30 Stü-
cke im Pool. Im Studio, wo du dann im
Arbeitsprozess bist, entschied ich, wel-
che Stücke auf´s Album kamen. Da ich
Vorproduktionen zur Auswahl hatte und
mir einige in der Art und Weise dann
doch nicht gefielen, blieben einige gran-
diose Stücke, wie „Nüchtern Möchte-
gern“, auf der Strecke. Ich werde sie an
andere Stelle noch veröffentlichen, das
ist sicher.
 
Lustige Anekdote zu diesem Song ist,
dass ich es tatsächlich geschafft habe,
mit diesem Lied den letzten Platz auf
einem Singer/Songwriter Wettbewerb zu
machen und das lag bestimmt nicht an der Art meines Vortrages oder meiner Performance. Da die Zuschauer Kom-
mentare auf ihre Stimmzettel schreiben konnten, las ich oft Sätze wie „So etwas wollen wir nicht hören“, im weites-
ten Sinne.
 
Abgesehen davon hat Ken Jebsen mal über mich gesagt, dass die Alben die ich produziere eigentlich „nur“ Teaser
sind und man unbedingt mal auf meine Shows kommen sollte, da sich die ganze Wucht „Klatte“ eigentlich erst
richtig auf der Bühne entfaltet. Ich glaube ich habe mir das selbst irgendwie auf die Fahne geschrieben. Es geht
eben nichts über Live-Konzerte. Letztendlich auch der Teil vom Geschäft, der den Künstler ernährt.
 
Dan Davis: Du hast Deine zeitkritischen Texte, die man u. a. bereits vom Neo-Folk-Projekt WIDUKIND
kennt, doch über weite Strecken auch auf dem neuen Werk textlich weiterverfolgt. Das beginnt schon mit
dem Opener „Im Vertrauen“. Kannst Du etwas mehr zu dem Track sagen und worum es geht?
 
Carsten Klatte: Es geht um Fremdbestimmung oder, anders herum, um Selbstbestimmung im Allgemeinen.
Darum geht es ja eigentlich auf der ganzen Deserteure-Scheibe. „Im Vertrauen“ ist mein Intro. Es beschreibt, was
passieren wird, wovon die „folgenden Stücke“ erzählen, woher der Erzähler kommt und auch, wohin er eigentlich will.
Die anderen Stücke sind, meiner Meinung nach, viel kryptischer als „Im Vertrauen“.
 
Dan Davis: Einer meiner Lieblings-Songs des neuen Kunstwerks ist der Track „Du kannst es anders
sehen“. Hierzu ein paar Worte?
 
Carsten Klatte: Der Song ist der Erde gewidmet. Hört sich erstmal blöd an, so „umarm-doch-mal-nen-Baum“-mäßig,
aber scheiß drauf! „Wenn du die Erde störst, wirst du es verlernen“… Ja WAS denn?! Vielseitigkeit ist Leben. Du
kannst es anders sehen, doch du mußt den Weg erst (oder auch) gehen. Ich finde, der kleinste „gemeinsame
Nenner“ ist immer Respekt. Den Dingen gegenüber natürlich auch. Nur weil Materie träge ist, heißt das nicht, sie
hätte keine Augen. Die Zeit hat sie, durch die Menschen, die ihr Leben in ihrer Zeit entweder erleben oder erleiden.
Sie haben die Wahl, aber die Nummer mit Ursache/Wirkung und Vergangenheit / Gegenwart / Zukunft haben sie
wohl noch nicht so begriffen oder haben es sogar vergessen. Weil sie sich nicht verbunden fühlen. Gegenseitig.
Aber wie soll das auch gehen, wenn sie noch nicht einmal mit der Erde verbunden sind, somit angstfrei. Wie soll
das gehen? An der Stelle, wenn man die Mathematik mal gegen den Menschen wendet und sieht, wie er sich
selbst zerstört, fragt man sich doch, wie kann der Mensch so dumm sein?! Dummheit ist für mich die größte
Geißel unserer Zeit. Der eine versteckt sich hinter dem anderen, weil er Angst hat, gesehen zu werden, dabei
träumt er insgeheim genau DAVON, endlich einmal gesehen zu werden. „Du kannst es anders sehen, doch alle
wollen leben.“
 
Dan Davis: Sehr tiefsinnig auch der Song „Konflikt“. Wer sing hier die weiblichen Vokals und welcher
Song des Album liegt Dir persönlich ganz vorne mit am Herzen?
 
Bild links: Cover der CD "dazwischen"
der Band GOETHES ERBEN, an der
Carsten Klatte mitwirkte.
 
 
 
Carsten Klatte: Die weiblichen Stimme
ist von meiner Frau Yve Darksound ein-
gesungen, welche man ja auch schon von
den WIDUKIND-Veröffentlichungen kennt.
Wir halten das so, wie die Marley´s, da
wir eh zusammen leben, machen wir auch
zusammen Musik und wenn nicht, dann
eben nicht. Yve hat eine wirklich schöne
Stimme! Wenn ich also so eine bezau-
bernde Klangfarbe im eigenen Haus habe,
was wäre ich für ein Musiker, sie nicht
einzubinden!? 
 
Ich habe verschiedene Favoriten auf
dem Album. Ich mag den Zynismus von
„Voraus Ahoi“, wo mir schon oft gesagt
wurde, man könne so nicht mit seinem
Publikum reden, dabei entstand der Song
doch als „Selbstgespräch“, was mich da
auch „schmerzfrei“ werden lässt. Ich mag
auch „Bestürzung im Foyer“ immer wieder
gerne hören. Ursprünglich als Duett mit Oswald Henke geplant und in einem Take aufgenommen, wie man sagt.
„Schwupp“, da war er.
 
Ich bin auch ein großer Freund von „Neulich auf dem Dach“, der meine „Hippieanteile“ in mir füttert und natürlich „Im
Vertrauen“, meiner kleinen Hommage an Hilde Knef.
 
Dan Davis: Schreibst Du überwiegend erst einen Text und dann fließt die Musik – oder umgekehrt?
 
Carsten Klatte: Meistens kommt erst die Musik. Dazu kommt, dass das Texten, gerade dadurch, dass ich jetzt
auch Essays schreibe, ein eigenständiger Prozess geworden ist und ich als Musiker intuitiver bin, was ich wiederum
versuche auf das Schreiben zu übertragen.
 
Wenn beide „Ströme“ frei fließen und sich zusammen tun, entsteht zum Beispiel mal ein Song wie „Fundamental“,
definitiv Philosophiestudenten-reif.
 
Die Idee hinter den Texten ist, dass sie genau so entstehen, wie die Musik, aus dem Off. Bei der Musik, wenn man
sie mal als Sprache ansieht, ist es einfacher, sich intuitiv zu artikulieren, da die Artikulation eine andere ist. Die
Stimme, als Bindeglied zur Sprache, welche eher dem Gedanken anhaftet, als dem Atem, ist das musikalische
Instrument, was den Gedanken brechen kann! Wenn das sogar im Schaffensprozess geschieht, der Text also frei
und intuitiv entsteht, entwickelt sich eine Bildsprache, ein Symbolismus. So erklärt sich zum Beispiel der Text von
„Bestürzung im Foyer“, oder besser gesagt, seine Entstehung.
 
Es ist interessant. Ich merke auf meinen Konzerten, dass ich den Rahmen des im Moment sprachlich machbaren
textlich schon erreicht habe. Sofern man das Album schon kennt, vielleicht nicht. Aber bei Leuten, die mich „nur“ live
kennen, fällt es mir auf.
 
Dada war früher mal ein Anschlag auf das Denken seiner Zeit… Wie es Foucault mal so schön sagte: „Macht steckt
in der Struktur“!
 
Ich glaube, ich werde jetzt auch wieder englische Texte verfassen in der nächsten Zeit. Man hat als Nicht-Mutter-
sprachler da einen anderen, vielleicht differenzierteren Zugang. Das scheint mir sozialer zu sein, was „den Flow“
angeht.
 
Dan Davis: Deine Meinung zur derzeit überall in den Medien diskutierten NSA-Affäre. Das Ausmaß der 
Überwachung – viele Jahre von Kritikern als Verschwörungstheorien belächelt, nun die Erkenntnis: es ist
bittere Realität. Ist Edward Snowden für Dich ein Held oder ein Verräter?
 
Bild rechts: Carsten Klatte (by C. K.).
 
 
 
Carsten Klatte: Weißt du, das schlimmste
Wort des Jahres 2012(!) war „Desinformation“.
Man schaue sich dieses Wort doch mal an.
Es informiert darüber, dass es nicht infor-
miert. Desinformation hat Konsequenzen.
Es verunsichert. Du kannst Information nicht
verifizieren. Du weißt nicht, was Information
ist und was Desinformation ist. Was also
machst du und warum? Warum hast du die
Definition von Desinformation überhaupt an-
erkannt?! Als erstes also de-informierst du
Information, danach heißt es, du wirst
vollkommen überwacht.
 
Midi-hänger… Drücken sie eine beliebige
Taste um fort zu fahren.
 
Wer ist Snowden?!
 
Interessant ist auch, wer ist ein Webster
Tarpley, in diesem Kontext, der keine drei
Tage nach den ersten Medienberichten über
Snowden, ihn als Triple Agent bezeichnete
und die Aktion als False Flag. Er arbeitet,
unter anderem, für den CIA oder mit ihm und
alle zusammen benutzen das Internet eben
in der Art, wie es für sie effektiv ist. Dazu
noch Alex Jones, Ben Fulford, Assange und
wie sie alle heißen. Occupy/Canvas/„From-
dictatorship-to-democracy“… Die Frage ist,
was es dem End User wirklich bringen sollte,
wenn er noch nicht einmal Information von
Desinformation unterscheiden kann.
 
Das Internet wird keine Veränderungen im Leben schaffen, egal ob es frei oder unfrei ist. Robert Anton Wilson
bezeichnete das mal als die Externalisierung des eigenen Gehirns, oder eines Teils davon. Ich würde sagen, das
Internet und der Umgang mit Information hat das Stadium des Nervensystems noch nicht überschritten. Da kann
man noch nicht von Gehirn sprechen. Deshalb werden Entscheidungen auch immer noch auf der Strasse getroffen
und da sollte man mal genauer hin schauen. Draußen laufen jetzt Leute rum, die schauen gar nicht mehr hoch von
ihren bescheuerten I-Smart-Wix-Phones. Jetzt gibt es gar eine App, mit der du beim Posten wieder die Straße
sehen kannst. Solche Menschen sind für mich das Symbol der menschlichen Inkompetenz. In meinem „geliebten“
Berlin-Neukölln würde man „Opfer“ sagen, den Typen die Smart-Arsch-Phones klauen und irgend so einen O.G.
Schliss mit denen abziehen… Da kommt eben eines zum anderen.
 
Warum müssen die Leute so bescheuert sein?!
 
Dan Davis: Und Angela Merkel? Heldin oder Verräterin? Wirkt es auf Dich befremdlich, dass sie erst mit
Entrüstung reagierte, als festgestellt wurde, dass auch ihr (Dienst-)Handy (und wahrscheinlich nicht nur
das…;-) abgehört wird – wo sie doch zuvor, als es „nur“ um das deutsche Volk ging, noch den „amerika-
nischen Traum“ gelebt hat? Nach dem Motto: „Alles halb so schlimm…“ Oder ist diese tatsächlich so
„blauäugig“, wie sie zuweilen tut?
 
Carsten Klatte: Merkel ist mir mittlerweile ziemlich egal geworden, sie hat den Status eines Schlagermusikers. PR
ist PR, sobald es öffentlich ist, da ist die Authentizität Nebensache. Und den „Jazz“ machen andere, genauso den
Punk. Wenn ich, kulturell gesehen, autonom bin, souverän bin und dazu noch ein freier Mensch, dann kann ich doch
eigene Werte haben!? Wer bitte schön HAT denn wirklich welche? Abhören ist doch nur „negative“ Indoktrinierung.
Abtasten, ob das indoktrinierte auch angewendet wird. Psychologie sollte strafbar sein, in solchen Fällen. Der arme
End User weiß doch gar nicht, wo ihm der wirr-tuelle Kopf steht. Die Frage, die er sich stellen sollte kommt ihm
einfach nicht in den Kopf. Die Frage, was das alles eigentlich mit seinem Seelenfrieden zu tun hat, bis auf die
Tatsache, dass er viel zu beschäftigt ist, um sich sich selbst zu zu wenden und eigenes Potential zu erschaffen,
weil er glaubt, er müsste in der Lage sein, Information von Desinformation zu unterscheiden. Man sollte aufhören
Markenjeans zu tragen, sein Konto bei der Bank verlegen, Veganer sein oder wenigstens Nahrung achten und seine
Zeit nicht verschwenden.
 
Wenn nicht konsequenter gehandelt wird, schwindet das Niveau. Das ist etwas, was mir der Zeitgeist im Laufe der
Jahrzehnte dann doch mal geflüstert hat. Kompetenz heißt in diesem Fall, souverän sein und den Unterschied
zwischen Theorie und Praxis zu kennen.
 
Bild links: Cover der CD "Who killed
Barbie" des Projekts LACASA DEL
CID von Carsten Klatte.
 
 
 
Dan Davis: Trotzdem ein paar per-
sönlichen Worte an Frau Merkel:
 
Carsten Klatte: Get a life. Und das
sage ich auch denen, die immer noch
denken, Leute wie Merkel würden es
schaffen etwas Wichtiges im Leben
zu bewirken. (Damit meine ich die
Selbstverantwortung, die mit einem
solchen Denken verbunden ist.)
 
Dan Davis: Ein anderer Song
Deines aktuellen Albums trägt den
Titel „Glück“. Wie definierst Du für
Dich „Glück“?
 
Carsten Klatte: Das Merkmal von
Glück ist eine Ausschüttung von Hor-
monen im Gehirn. Innerlich ein enthu-
siastisches „Identifizieren“ mit dem
Moment und allem,was in ihm steckt.
 
Im nordischen Mystizismus gibt es das „Hamingja“. Es ist die Anhäufung positiver Energien im eigenen Leben,
entstanden durch das Durchführen guter Taten. Gute Taten sind die, welche in Übereinstimmung mit dem eigenen
Wesen, also willentlich begangen wurden. Da, wo das „Leben“ stimmig ist. Das ist Glück. So folgt auf Glück auch
Glück und es lohnt sich, sich dafür zu entscheiden, was mir als Musiker wieder sehr gefällt, da es was mit Reso-
nanz zu tun hat.
 
Dan Davis: Ein weiterer Song von „Deserteure“: „Vorher“. Was hat Dich hierzu bewegt?
 
Carsten Klatte: „Vorher“ entstand mitten im Prozess, also eigentlich weiter hinten. Der Titel bezieht sich auf das
„davor“ eines Schaffens, der Moment, in dem alles eigentlich schon zu Grunde gelegt ist und in wie weit man sich
dessen bewusst werden kann.
 
Dan Davis: Das neue Werk schließt, wie von Dir bereits erwähnt, mit dem Track „Jazzuit“, der mich per-
sönlich natürlich ein wenig an die musikalischen Exzesse von Bill Pullman in David Lynchs Film „Lost
Highway“ erinnert hat. Welche Filme schaust Du am liebsten?
 
Carsten Klatte: Oh ja. Lost Highway ist auch einer meiner Lieblingsfilme. Ich mag David Lynch, obwohl ich neulich
gerade einen Ausflug in die erste Twin Peaks-Staffel abbrechen musste, wegen zunehmendem 80er Zynismus.
 
Ich mag die Filme von Werner Herzog. Natürlich gerade die, die er mit Kinski gemacht hat. Ich glaube „Fitzcarraldo“
ist mein absoluter Lieblingsfilm!
 
…Über den Jazzuismus hatte ich ja schon gesprochen und warum „The birth of the jazzuit“ (auch noch ein englisch-
er Titel) das Werk abschließt.
 
Ich bin dabei sehr glücklich über die musikalische Zusammenarbeit mit „Theo“ R. Theobald am Saxophon. Er hörte
mich, als wir uns kennen lernten, in einer Bar in Berlin Kreuzberg und hatte am selben Abend noch sein Saxophon
geholt gehabt. So etwas passiert mir eigentlich nur in Berlin. Mitten in der Nacht, du spielst dir den Wolf, kommt
jemand vorbei und spielt dir ein Saxophon auf deine Songs, hinten, links neben dem Tresen. Im Nachhinein erfuhr
ich erst, wer er ist. Er arbeitete ja auch schon mit ELEMENT OF CRIME und ALPHAVILLE zusammen. Det is mein
Berlin…
 
Dan Davis: Da fällt mir zum Thema Film noch etwas ein: „Erbsen auf halb sechs“… Das war ja auch so
eine Geschichte. Denn ich glaube Du hast auf der Wolfsheim-Single „Blind“, dem Titelstück zu diesem
Lars Büschel-Film, mitgewirkt. Wie kam es hierzu?
 
Bild rechts: Cover der MCD "Blind"
der Band WOLFSHEIM, an der
Carsten Klatte mitwirkte.
 
 
 
 
Carsten Klatte: Das kann ich dir ehrlich gesagt nicht genau sagen.
Ich glaube Peter oder Markus kan-
nten Lars. Wir hatten für den Film
den Song „Blind“ extra noch ein-
mal eingespielt. Abgesehen vom
„Mitwirken“ an der Musik , auch
ein absolut sehenswerter Film!
 
Dan Davis: „Entwachsen“…
Eine weiterer „Jazz meets…“-
Nummer von „Deserteure“ mit
der Schlagzeile im Text „Das
hast Du dir bestellt…“. Eine
Erklärung für den Leser:
 
Carsten Klatte: Kennst du nicht
die „Bestellungen ans Universum“?
Wenn man mal so an der Esoterik-
Ecke im Buchladen vorbei ging, da
stand dann doch immer so ein Buch, in der Art. Als ob das so einfach wäre. …Ist bestimmt auch ein Grund weshalb
die Esoterik in Verruf geraten ist. Wie soll es auch so einfach sein?! 
 
Der Witz dabei ist, dass es wirklich so einfach IST! Nur nicht für den, der mal schnell ein Buch kauft, welches auf
abgeholztem Regenwald geschrieben wurde. Esoterik hat in den Buchläden keinen Bestand, weil sie ein eigenes
Regal bekam. Keine Sau wäre an das Regal gegangen, in das sie gehört hätte: das der Religionen. 
 
Religio, die „Rückanbindung an das Ursprüngliche“, folgt gewissen Regeln.
 
Die Esoterik ist eine Sichtweise auf diese Regeln oder sagen wir doch besser Gesetzmäßigkeiten. Das Gegenteil
von Esoterik ist Exoterik, das, was sich auf/in die Welt richtet, was auch wieder die Esoterik erklärt, als das, was
sich „nach Innen“ richtet.
 
Wieder dieselbe Frage: „Wo hinein denn (genau)?!“
 
Was soll das Universum anfangen mit einem „Schaaaaaaalke!“ oder einem Hirn, welches in einem Buch stöbert,
„Bestellungen ans Universum“ und dabei unterschwellig die ganze Zeit ein Mantra wiederholt: „Geiz ist geil. Geiz ist
geil.“
 
Also ist der erste Schritt in die Freiheit erstmal das Anerkennen des Bestehenden. Wo Humor ist, ist Intelligenz.
Und vielleicht schafft es der eine oder andere ja, ein wenig zu schmunzeln über sich und die Welt. In dem Sinne
kann man dann ja vielleicht auch mal was beim Universum „bestellen“, selbst wenn man es nicht reklamieren kann,
danach. Figurativ ist es irgendwie lustig.
 
Dan Davis: Planst Du einige Konzerte in den nächsten Monaten? 
 
Carsten Klatte: Ich plane Konzerte. Ich spiele zum Beispiel demnächst mit dem Cellisten Nikolaus Herrdieckerhoff
auch genannt „Cellolitis“ eine Reihe von Konzerten. Wir haben da so eine Idee von freier Musik , wir nennen das „frei
drehen“ und improvisieren ganze Konzerte durch. Es macht einen „Höllenspaß“ und ist immens kreativ. Aber ich
werde natürlich auch weiter in den Landen herum reisen und meine „Deserteure“ in die Welt zu tragen, Termine
dazu findet man immer auf meiner Homepage www.carstenklatte.com
 
Ich bin auch schon wieder auf neuen Pfaden!
 
Habe mich dabei ertappt, wie ich mir neulich ein neues Schreibheft zugelegt habe. 
 
So fängt das immer an… First scetches of a jazzuit…
 
Dan Davis: Vielen Dank Carsten! Es war mal wieder ein Vergnügen! Und alles gute für „Deserteure“…
Und das was folgt…
 
 
 
Zum Einsehen benötigen Sie Flash Player.
carsten klatte - "nuechtern moechtegern"
 
 
(Copyright by COVER UP! Newsmagazine, 18.11.2013)
(Copyright Bilder: by Carsten Klatte)
 
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